Investigatives Theater

Im investigativen Theater geht es darum, angefangen bei einer negativ besetzten Szene des Alltags der Jugendlichen, den Bogen zu spannen zu ihrer eigenen Mitverantwortung für die Szenen, die sich in dieser Welt abspielen.

Bamberg

Projektstart:

Februar

Projektzusammenfassung

Im investigativen Theater geht es darum, angefangen bei einer negativ besetzten Szene des Alltags der Jugendlichen, den Bogen zu spannen zu ihrer eigenen Mitverantwortung für die Szenen, die sich in dieser Welt abspielen. Im Verständnisprozess hilft ihnen sowohl die im eigenen spielerischen Nachvollziehen der Situation entstandene Empathie als auch die Verknüpfung des Spiels mit den wahren Geschichten der Gäste. Nach dem das kritische Erschließen einer Szene durch das Fragen nach dessen Ursachen und Konsequenzen als beispielhafter Prozess für die verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in unserer globalisierten Gesellschaft eingeübt wurde, sollen auch konkrete Möglichkeiten der Verhaltensveränderungen (im Hier und Jetzt) diskutiert und ausprobiert werden.

 

Weiterlesen

Ausgangslage:

Deutschland ist gegenwärtig das Ziel vieler Flüchtlinge und Migranten. Diese erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren wird in der öffentlichen Debatte als eine der großen Herausforderungen des noch jungen 21.Jahrhunderts diskutiert. Die Komplexität der Fluchtursachen und deren Hintergründe werden in den Medien, wenn überhaupt, nur verkürzt dargestellt. Auch die argumentative Auseinandersetzung mit den sog. „besorgten Bürger“ findet selten sachlich statt. Wenn wir als Gemeinschaft der Menschen gut miteinander umgehen wollen, müssen wir uns miteinander unterhalten, Vorurteile abbauen, für unterschiedliche, legitime Sichtweisen sensibilisieren, tolerant und solidarisch auch denen eine Stimme geben, die in unserer Gesellschaft nicht gehört werden. Das Theater bietet eine ideale Plattform für das „in Szene setzen“ von unsichtbaren Barrieren und lädt zur Reflexion über ungeahnte Zusammenhänge ein. Es ist gleichsam geschützter Ort der Welterfahrung und Übungsplatz der Weltgestaltung. Mit Theater können wir Unterdrückung sichtbar machen und anprangern. Das ist wichtig, denn:

„Um Bürger einer Gesellschaft zu sein, genügt es nicht in dieser zu leben, man muss sie verändern“ – Augusto Boal (Begründer des Theater der Unterdrückten)

Maßnahme: Investigatives Theater

Durch theaterpädagogische Methoden, Dialoge mit Betroffenen/Experten und Diskussionen über die Wirkungsketten aus der Sicht verschiedener Akteure sollen Jugendlichen im Alter von 15-19 Jahren die Themenbereiche „Flucht & Migration“ sowie „Fremdenfeindlichkeit & Gewalt“ aktiv und spielerisch aus einem anderen Blickwinkel kennen und ihren Möglichkeiten entsprechend gestalten lernen. Beispielhafte Beschreibung (siehe hier) [Link zur Seite 2/3 dieses Dokuments].

Für die Durchführung des „investigativen Theaters“ sollte man idealerweise 3-5 Doppelstunden (à 90 Minuten) einplanen. Je nachdem wie intensiv die Themen behandelt werden, kann die Dauer auch verkürzt oder verlängert werden. Die Methode ist in besonderem Maße für P- Seminare und Projekttage/-wochen für Schüler ab der 9.Klasse geeignet, kann aber auch außerhalb des Schulkontextes von (Jugend-)Gruppen zur eigenen Fortbildung oder zur Verbesserung des Kenntnisstands verwendet werden.
Projektziele:

  • Sensibilisierung von Jugendlichen für die eigene Rolle als Betrachter*innen und mitverantwortliche Gestalter*innen sozialer Prozesse
  • Abbau von Vorurteilen und Stärkung der Empathie durch aktiven Perspektivwechsel
  • Besseres Verständnis der Zusammenhänge im Themenkomplex (Flucht – Migration – Fremdenfeindlichkeit), zur Ermöglichung der Teilnahme an der öffentlichen Diskussion und des Engagements für die Rechte der Benachteiligten
  • Schulung kritischen Denkens und des Begreifens von Situationen als „Gewordene“ und „Gestaltbare“

Zur Durchführung des „Investigativen Theaters“ – ein Beispiel zur Veranschaulichung

Die Durchführung des „Investigativen Theaters“ besteht aus vier Phasen:

Phase I – Szene der Unterdrückung aus der Lebenswelt/dem Alltag der Zuschauer

(Forum-Theater nach Augusto Boal)

Die Theaterpädagogen stellen eine Situation dar – bspw. Diskriminierung von/ Gewalt gegenüber Flüchtlingen – die von Unterdrückung zeugt und im Alltag der Jugendlichen passieren könnte. Nach dem ersten Durchlauf werden die Jugendlichen gebeten die Situation zu analysieren und alternative Verhaltensweisen der Charaktere zu entwickeln. Die Szene wird erneut gespielt und die Jugendlichen haben nun die Möglichkeit durch „Einwechseln“ die Rolle eines Charakters zu übernehmen, sie werden zu Zu-Schauspielenden. Nach dem die Szene mehrfach mit unterschiedlichen Zu-Schauspielenden gespielt wurde, wird ein Dialog mit der Klasse darüber geführt. Der oftmals unschöne Ausgang der Szene lässt sich nur schwer durch spielendes Eingreifen verhindern. Das wirft Fragen über die Hintergründe und Vorgeschichte dieser Szene auf. Wodurch hat der gewalttätige Junge solche Vorurteile gegenüber Ausländern? Wie kommt es, dass der Flüchtling überhaupt nach Deutschland gekommen ist und in diese Situation geraten ist? Wir fragen gemeinsam nach den Ursachen für Flucht und Fremdenfeindlichkeit.

Phase II – Die Jugendlichen entwickeln mögliche „Wurzelszenenund führen diese vor

In dieser Phase sollen die Jugendlichen selbstständig, mit Zuhilfenahme des didaktischen Materials der Ausgangsszene, (kausal und chronologisch) vorgelagerte Szenen, sog. „Wurzelszenen“ entwickeln und aufführen. Diese Szenen veranschaulichen plastisch, wie es zu den Vorurteilen kommen konnte (bspw. Einfluss der Familie) und was den Flüchtling zur Flucht bewogen hat (bspw. Zerstörung der Lebensgrundlage durch Klimawandel). Diese eigenständige, informationsgestützte Herstellung und Darstellung von Ursache-Wirkungszusammenhängen ist für das Begreifen von Entstehungs-geschichten sozialer Praxis und der eigenen Rolle darin elementar. Diese Szenen (bspw. Flucht-entscheidung in der Familie) bieten einen guten Einstieg um, inhaltlich unterfüttert, verschiedene Ursachen für intolerante, fremdenfeindliche Werthaltungen sowie für Fluchtentscheidungen offen zu legen und zu diskutieren. Dabei ist es wichtig, dass die Jugendlichen ihre eigene Rolle als Teil unserer Gesellschaft kritisch reflektieren und sich selbst als mitverantwortlich für bestimmte Prozesse erkennen (bspw. Klimawandel). Sie werden eingeladen einzelne Stränge der Ursachenkette bis zu ihrem alltäglichen Verhalten zurück zu verfolgen und sich selbst als Mitgestalter der ihnen in der Ausgangsszene dargebotenen sozialen Wirklichkeit zu erkennen. Waren sie in der ersten Szene nur durch das Hineinversetzen in die Unterdrückten und das Spielen aus deren Perspektive involviert, so tragen Sie jetzt nicht mehr nur als Spieler in einer fiktiven Welt Mitverantwortung, sondern auch als Zuschauer in der realen.

Phase III – Zeitzeugen/Experten erzählen den Jugendlichen wahre Geschichten

Die Brücke vom Probehandeln im Spiel zur Verantwortung in der Realität, soll durch das Auftreten eines Zeitzeugen (z.B. Flüchtling) oder einer Expertin (z.B. Migrantenorganisation) untermauert werden. Was als Spielerei, als fiktiver Übungsraum begann, wird nun mit wahren, erlebten Geschichten gefüllt und in Kontrast gesetzt. Die referierten Erlebnisse sollen den Jugendlichen vor Augen führen wie bedeutsam und real, die von ihnen erkannten und diskutierten Zusammenhänge tatsächlich sind.

Phase IV – Möglichkeiten der Veränderung des ungewollte Szenen produzierenden Verhaltens

Ähnlich wie im Forum-Theater (Phase I), überdenken die Jugendlichen jetzt ihre eigene Rolle und überprüfen Sie auf Zusammenhänge die zu unerwünschten Szenen führen. Wenn die Welt eine gemachte ist und jeder an deren Gestaltung unweigerlich teilhat, dann kann man seinen Einfluss auch für positive Entwicklungen nutzen. Bei der Entwicklung von alternativen Handlungs-möglichkeiten (bspw. klimafreundliches Verhalten) werden die Jugendlichen von den Theaterpädagogen (und der Lehrkraft) unterstützt. Wichtig ist dabei, dass Sie etwas konkret Erfahrbares machen können (bspw. Kleiderspenden; Organisation einer Aktion), um die Erkenntnis des eigenen Einflusses auf bestimmte Szenen auch eine positive Selbstwirksamkeitserfahrung folgen zu lassen. Sie sollen begreifen, dass ihr Verhalten die Handlungsbedingungen anderer maßgeblich beeinflusst und lernen Handlungen von ihren Ursachen und Konsequenzen her zu denken.

Optional kann in dieser Phase ein Handlungsimpuls durch das Erstellen eines Wunschbilds bzw. einer Utopie gesetzt werden (bspw. wie würde die Ausgangsszene idealerweise laufen?)

Anmerkungen:

In den Unterrichtseinheiten wird von den Theaterpädagogen entwickeltes/zusammengestelltes Material, das auch der Lehrkraft zur Verfügung gestellt wird, genutzt. Vor und nach den Schulbesuchen der Theaterpädagogen wird der Lehrkraft Unterstützung angeboten, um bspw. im Rahmen eines P-Seminars gemeinsam mit den Schüler*Innen ein interessantes Praxis-Projekt zu entwickeln. Eine gute Absprache mit den Lehrkräften ist wichtig, damit das Projekt nachhaltige Wirkungen entfalten kann. Die hier beschriebene Methode ist an die Umstände in verschiedenen Schulen adaptierbar und dient als Rahmenkonzept zur Orientierung.